Jörg

Jörg war der festen Überzeugung, der schönste Hahn auf dem großen Misthaufen zu sein. Einen leuchtend roten Kamm, eindrucksvolle Kinnlappen, die herausfordernd in der Morgenbrise baumelten und einen prächtigen bunten Schwanz war er sicher, im Spiegelbild der ihn umgebenden Hühneraugen zu sehen.
Die dazugehörigen Hühner sahen etwas ganz anderes: Sie sahen den Rest eines im Korn Ertrinkenden, einen Prahlhans, dessen Tage gezählt waren. Er mochte ein stolzer Vogel gewesen sein, doch davon kündete nur noch sein Gesang.
In einer Herbstnacht des vergangenen Jahres schlich sich der Fuchs Slivovitz in den Stall und fraß zuerst den nach eigener Einschätzung sehr gut versteckten Jörg. Zwei Wochen später wusste auf dem Hof niemand mehr mit dem Namen etwas anzufangen.

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