Jocelyne

Für den Job hatte Jocelyne fünfhundert Euro bekommen. Jetzt war es ihr meistens peinlich, wenn sie an jeder Haltestelle ihre Brüste und den Bauchnabel auf riesigen Werbeplakaten sah. In diesen Momenten blickte sie auf ihr iPhone, das sie sich von ihrem Lehrlingsgeld nie hätte leisten können. Sie trug es immer in der linken Hand, um zum nächsten Track skippen zu können, wie sie sagte. Vorher musste sie den Bildschirm entsperren, indem sie Dimitri Borderlein, dem schnuckligen Hauptdarsteller aus ‚Raus aus dem Haus‘ über den nackten Oberkörper strich, was ihr jedesmal wohliges Herzklopfen bereitete.

Holger

„Brüste!“ konnte Holger gerade noch denken, als ihn die sechzig Tonnen Stahl der Linie 6 frontal erfassten und zwanzig Meter mit sich schleiften. Das Model auf der anderen Straßenseite umschmeichelte mit lüsterner Zunge ein Erdbeereis. Die Aufschrift neben dem wohlgeformten Busen versprach die Explosion der Sinne, der dünne Stoff des T-Shirts konnte die Brustwarzen kaum zurückhalten.

Wolfgang

Worte sind Waffen, wusste der taubstumme Wolfgang, seitdem er Steinmetz war und Abend für Abend seine Lieblingswörter in Stein meißelte. Die schweren Brocken, die dabei herauskamen, warf er in hitzigen Diskussionen mit Nachdruck und großer Freude am Argumentieren anderen an den Kopf. Lange hielt er das nicht in Freiheit durch, die Zensur, die sich seiner Äußerungen annahm, war allumfassend und sollte acht Jahre dauern.