Dirk

Dirk war schon in jungen Jahren der Typ, der später depressiv und einsam an Hotelbars rumsitzt und erfolglos die Bedienung anbaggert. Sein Selbstbild porträtierte einen unbeugsamen Widerstandskämpfer und hing reichlich schief an einer geblümten Wohnzimmerwand, direkt neben einem gefälschtem Kandinsky. 20 Jahre widerstand er tapfer dem Alkohol, dann gab er auf und ertränkte seine Bedeutungslosigkeit in billigem Whisky.

Rolf

Rolf lebte in einer anderen Welt. Diese war nicht bunt, sondern im bräunlich grauen Ton der Fünfziger gehalten. Die Gesetze der Physik galten dort nur begrenzt. Bevölkert wurde sie von einer bunten Mischung aus bösen Autofahrern, sadistischen Zahnärzten, verschiedenen MDR-Moderatoren und vor allem Moderatorinnen, unfähigen Stadtplanern und vielen anderen Kuriositäten. Rolf hatte sich in seinem Leben bereits fünfmal verliebt, jedesmal waren die Frauen geflüchtet. Jetzt reichte es Rolf, er verlegte sich auf das Zeichnen von Kugelschreiberwellensittichen namens Bubi und betrat nur noch selten die Realität. Die Zunge ließ er für diese kurzen Ausflüge gleich im Mundwinkel. Vorwitzig lugte sie in unsere Welt und schien viel mehr davon zu verstehen als Rolf selber.

Schmieche

Schmieche kritisiert den Kapitalismus und fühlt sich grandios. Die Welt wird auf ein erträgliches Maß vereinfacht, es gibt die Guten und die Bösen, die Guten besitzen nichts, die Bösen dagegen alles. Schuld an dieser ungerechten Verteilung ist das System. Das System schwebt wie ein gefährlicher Drache alles beherrschend am Horizont und hält die ganze Welt mit seinen eisernen Klauen umklammert in Dunkelheit und Unterdrückung. So denkt Schmieche und mit diesen Gedanken bespricht er in ritualisierten Psalmen gähnende Zuhörer, wenn diese nicht rechtzeitig die Flucht ergreifen.

Die Beschreibung Schmieches könnte bereits an dieser Stelle enden, ergäben sich nicht auf wundersame Weise auch im dunkelsten Zeitalter hier und da Möglichkeiten, einen winzigen Schritt des Weges der gesamten Menschheit zu gehen, des weiten Weges zu einer besseren Welt, wie sie auf Plakaten und Demonstrationen als möglich und wünschenswert besungen wird. Als drei der größten Steine auf diesem Weg werden dabei weithin Rücksichtslosigkeit und Egoismus sowie ferner die Unfähigkeit des Reflektierens eigenen Verhaltens angesehen, allesamt Eigenschaften, die an sich selbst zu ändern jeder gern bereit sein möchte.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet Schmieche, anstatt beschwerlich die eigenen Steine im sensiblen Getriebe des Zusammenlebens mit anderen Menschen zu zertrümmern, die dünnsten Bretter bohrte.

Sprung zum Anfang.

Jörg

Jörg war der festen Überzeugung, der schönste Hahn auf dem großen Misthaufen zu sein. Einen leuchtend roten Kamm, eindrucksvolle Kinnlappen, die herausfordernd in der Morgenbrise baumelten und einen prächtigen bunten Schwanz war er sicher, im Spiegelbild der ihn umgebenden Hühneraugen zu sehen.
Die dazugehörigen Hühner sahen etwas ganz anderes: Sie sahen den Rest eines im Korn Ertrinkenden, einen Prahlhans, dessen Tage gezählt waren. Er mochte ein stolzer Vogel gewesen sein, doch davon kündete nur noch sein Gesang.
In einer Herbstnacht des vergangenen Jahres schlich sich der Fuchs Slivovitz in den Stall und fraß zuerst den nach eigener Einschätzung sehr gut versteckten Jörg. Zwei Wochen später wusste auf dem Hof niemand mehr mit dem Namen etwas anzufangen.

Johann

Johann hatte seine Privatinsel ‚Großer Fuß‘ getauft, um Frauen zu beeindrucken. Er lebe auf großem Fuß, konnte er so bei der ersten Kontaktanbahnung in gehobenen Etablissements als Antwort auf die Frage seines Domizils sagen und es war im Gegensatz zum häufigen Rest seiner Ausführungen nicht gelogen.

Hubert

Deutschenfeindlichkeit ließ sich Hubert nun nicht vorwerfen: Er aß ab und zu eine Bratwurst und zu seinem Bekanntenkreis zählten einige Deutsche, ja er selbst war ebenfalls Deutscher.

Pit

Pit pflegte seine Skinheadattitüde bis hin zum dümmlichen Gesichtsausdruck.

Willy

Willy wurde schon mit 19 Jahren von seinem Übergewicht in eine lächerlich wirkende xbeinige Watschelpose gezwungen, was ihn nicht vom Tragen viel zu enger Lederkleidung abhielt.

Aljoscha

Ab dem 25. Lebensjahr hatte Aljoscha die unbestimmte Erwartung, es müsse jeden Moment etwas ganz Gewaltiges, Unglaubliches passieren, es könne auf keinen Fall so banal und langweilig weitergehen bis zu seinem Ende. Es geschah aber nichts.