Lucke

In der zweiten Hälfte seines Lebens versuchte Bernd Lucke immer und immer wieder, eine Partei nach seinem Ebenbild zu schaffen, was ihm auch beinahe gelang: Die Ergebnisse waren alle mausgesichtig, ziemlich klein und sprachen mit der Umwelt in einer Stimmlage zwischen Donald Duck und Adolf Hitler. Nur die überragende Bedeutung, die Lucke an sich selbst feststellte, ließ sich irgendwie nicht auf die Gruppierungen übertragen.

Thomas

Niemand konnte sich erklären, woher diese Angst in Thomas kam. Bei anderen Menschen seines Schlages fand man in der Kindheit oft Verstörendes, manchmal geradezu zwangsläufig in xenophobe Wahnvorstellung und stete Aggression Mündendes. Nicht so bei Thomas.  Es schien kompensierter Dünkel zu sein, der ihn auf andere herab blicken ließ.
Eines stimmte natürlich: Er hing mit den falschen Leuten rum.

Jocelyne

Für den Job hatte Jocelyne fünfhundert Euro bekommen. Jetzt war es ihr meistens peinlich, wenn sie an jeder Haltestelle ihre Brüste und den Bauchnabel auf riesigen Werbeplakaten sah. In diesen Momenten blickte sie auf ihr iPhone, das sie sich von ihrem Lehrlingsgeld nie hätte leisten können. Sie trug es immer in der linken Hand, um zum nächsten Track skippen zu können, wie sie sagte. Vorher musste sie den Bildschirm entsperren, indem sie Dimitri Borderlein, dem schnuckligen Hauptdarsteller aus ‚Raus aus dem Haus‘ über den nackten Oberkörper strich, was ihr jedesmal wohliges Herzklopfen bereitete.

Holger

„Brüste!“ konnte Holger gerade noch denken, als ihn die sechzig Tonnen Stahl der Linie 6 frontal erfassten und zwanzig Meter mit sich schleiften. Das Model auf der anderen Straßenseite umschmeichelte mit lüsterner Zunge ein Erdbeereis. Die Aufschrift neben dem wohlgeformten Busen versprach die Explosion der Sinne, der dünne Stoff des T-Shirts konnte die Brustwarzen kaum zurückhalten.

Wolfgang

Worte sind Waffen, wusste der taubstumme Wolfgang, seitdem er Steinmetz war und Abend für Abend seine Lieblingswörter in Stein meißelte. Die schweren Brocken, die dabei herauskamen, warf er in hitzigen Diskussionen mit Nachdruck und großer Freude am Argumentieren anderen an den Kopf. Lange hielt er das nicht in Freiheit durch, die Zensur, die sich seiner Äußerungen annahm, war allumfassend und sollte acht Jahre dauern.

Chantal

Kurz nachdem Chantals Pubertät ausgestanden war, heftete sie sich ein Piercing mit dem Aussehen eines gigantischen Pickels an die Backe.

Yvette

Nachdem Yvette (28) wie jeden Morgen zwei Chinaböller in ihrer weißblonden Mähne explodieren lassen hatte, malte sie, hochkonzentriert ob ihrer pinkfarbenen Plastiknägel, ein buntes Gesicht auf die haarlose Seite des Kopfes und badete anschließend ausgiebig in einer mit Chanel beschrifteten Tinktur vom Polenmarkt, dann schwang sie sich krähengleich in den Sog der öffentlichen Verkehrsmittel. Der alten Frau wurde sofort ein Sitzplatz angeboten.

Markus

Ein nicht unbeträchtlicher Teil seiner schlechten Laune war bei Markus darauf zurückzuführen, dass er sich bevorzugt mit dem Auto bewegte. Ständig kam es ihm vor, als ob er stünde, an Ampeln, hinter Straßenbahnen, im Stau. Er, der Dynamik verkörperte! Wenigstens gelang es ihm, sich das Leben der Radfahrer vor ihm als unbedeutend und klein einzureden. Ein weiterer Grund lag in seinem Haus am Stadtrand. Sein halbes Leben fuhr er täglich eine Stunde vom Haus auf Arbeit und am Abend wieder zurück. Nur dass es dann fast doppelt so lange dauerte. Es waren ein beeindruckendes Auto und ein beeindruckendes Haus. In der Gegend, wo Markus wohnte, standen ausschließlich beeindruckende Häuser und beeindruckende Autos. Wenigstens in seiner Judogruppe gab es ein paar, die ihn beneideten.
Drei Stunden verbrachte er pro Tag so. In ein paar Wochen würden es vierundzwanzig Jahre sein. Drei Jahre davon saß er ununterbrochen im Auto, schoss es ihm durch den Sinn. Er hatte selten Lust auf solche Rechenaufgaben, aber gerade fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Wenn er von vierundzwanzig Stunden drei im Auto saß, war das ohne Weiteres auf die Jahre seiner Dienstzeit zu übertragen. Aufgeregt rutschte er auf seinem Autositz hin und her, richtete den Oberkörper auf und sein Blick verlor sich. Ach nee, die Wochenenden und der Urlaub. Plötzlich ärgerte es ihn, dass sein Geistesblitz nicht heller leuchtete.